Mittendrin wir im Fachkrankenhaus Uchtspringe: Prominenter Zuspruch für mutigen Umgang mit psychischen Problemen
Um den Abbau von Berührungsängsten gegenüber der Psychiatrie zu fördern, wurde im SALUS-Fachkrankenhaus Uchtspringe vor drei Jahren die Veranstaltungsreihe Mittendrin wir ins Leben gerufen. Gemeinsam mit dem krankenhausnahen Förderverein Psychiatrie in Geschichte und Gegenwart e.V. werden Musikabende, Ausstellungen und andere öffentlich zugängliche Veranstaltungen organisiert, zu denen auch Menschen eingeladen sind, die sonst kaum Kontakte zur Klinik haben. Schirmherr der Initiative ist der Musiker und Schauspieler Herbert Grönemeyer.
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MR Dr. med. Volkmar Lischka, Herbert Grönemeyer und Prof. Dr. Christfried Tögel in Uchtspringe am 22.10.2004 |
Gefolgt wird damit nach den Worten des
Ärztlichen Direktors, MR Dr. Volkmar Lischka, der Erfahrung:
Wenn man sich erst mal begegnet, miteinander ins Gespräch
kommt und gemeinsame Freude erlebt, ist der Weg zu einem besseren
Verständnis nicht mehr so weit.
Das Leitmotiv Mittendrin wir assoziiert durch
einen Grönemeyer-Song macht darauf aufmerksam, das
psychische Erkrankung jeden treffen kann. Und es formuliert den
Wunsch, Fachkrankenhäuser wie in Uchtspringe nicht als
Anstalt für Sonderlinge auszugrenzen, sondern in die
Normalität des Alltags zu integrieren. In diesem Sinne konnte
Uchtspringe anlässlich des 110jährigen Bestehens als
Klinik-Standort im Herbst 2004 gleich mit zwei besonderen
Höhepunkten aufwarten: Am 20. Oktober wurde eine
Günter-Grass-Ausstellung mit ca. 70 Werken aus dem
bildkünstlerischen Schaffen des Literatur-Nobelpreisträgers
eröffnet, und am 22. Oktober war ein prominent besetzter
Gesprächsabend zu erleben.
Moderiert vom Programmleiter des NordwestRadios, Jörg-Dieter
Kogel, diskutierten Herbert Grönemeyer, die Schauspielerin
Katrin Saß (Good bye, Lenin), der Cartoonist und
Illustrator Manfred Bofinger sowie der ehemalige Chefarzt der
Uchtspringer Psychotherapie, Dr. med. Gerhard Schulz, über ihre
Erfahrungen und Wertvorstellungen im Umgang mit seelischem Leid
und leidenden Menschen. Schwäche zu zeigen, ist in unserer
Ellenbogen-Gesellschaft nicht vorgesehen, so Herbert
Grönemeyer. Preußisch-diszipliniert, wie wir nun mal
sind, soll es jeder allein schaffen. Man fühlt sich besser, wenn
es dem anderen schlechter geht. Aus seiner persönlichen
Überzeugung letztlich auch Motiv seines Engagement für
die Uchtspringer Fachklinik machte Grönemeyer indes kein
Hehl: Es ist mutig, Schwäche einzugestehen und Hilfe in
Anspruch zu nehmen, um den Kopf neu zu sortieren. Wenn gebohrt
werden muss, gehe ich schließlich auch zum Zahnarzt,
erklärte der erfolgreiche Musiker, der wie er sagt
nach dem psychischen Atombombenangriff durch den Tod
seiner Frau selbst die Unterstützung durch eine Therapeutin in
Anspruch nahm.
Große Bewunderung empfindet der Zeichner Manfred Bofinger für
jene Menschen, die sich um psychisch Kranke kümmern. Auch er
sieht im gesellschaftlichen Umgang mit vermeintlich Schwächeren
große Verständnisprobleme: So wurde ich bei Einladungen
schon mal gefragt, ob es mich stört, wenn Kinder aus der
Hilfsschule dabei sind, schüttelt der sympathische
Zeichenkünstler den Kopf. Schon der Gedanke, hier
irgendwelche Unterschiede zu machen oder auszugrenzen, ist für
mich absurd. Auch die Kinder hier in der Klinik reagieren auf
meine Spielideen eifrig, pfiffig und phantasievoll wie alle
anderen.
Schauspielerin Katrin Saß gehört eigentlich zu jenen Menschen,
deren Erfolg vorprogrammiert erschien. Sie gehörte bis zur Wende
zu den populärsten und erfolgreichsten Darstellerinnen der DDR,
wirkte in einigen der wichtigsten DEFA-Spielfilme mit, avancierte
zur gefragten Charakterdarstellerin. Allerdings musste sie
erfahren, dass ihre Fähigkeiten im wiedervereinigten Deutschland
zunächst nicht mehr so sehr gefragt waren. Sekt und Bier wurden
ihre ständigen Begleiter, brachten sie an den Rande des Ruins.
Doch kurz vor dem Absturz schaffte sie die Umkehr ... Es
ist mir einfach passiert, schilderte sie in Uchtspringe die
schwierige Zeit bis zur Selbsterkenntnis, dass sie alkoholkrank
ist. Allerdings scheue ich bis heute davor zurück, anderen
Menschen in einer ähnlichen Lebenslage irgendwelche Ratschläge
zu geben. Inwiefern das Engagement prominenter
Persönlichkeiten zum Abbau von Berührungsängsten gegenüber
psychischen Leiden beitragen kann, wurde im Verlauf des
Uchtspringer Gesprächsabends von Herbert Grönemeyer äußerst
bescheiden beurteilt: Eigentlich tue ich ja nichts. Ich
sitze hier und rede und hoffe, dass es was Vernünftiges
ist. Der langjährige Uchtspringer Chefarzt Dr. Gerhard
Schulz sieht den Einfluss allerdings etwas anders: Wenn
sich Prominente auf diesem Gebiet für mehr Verständnis
einsetzen, werden auch Menschen ermutigt, die seit Jahren
innerlich wissen, dass sie Hilfe brauchen. Und wer im
Tagesverlauf zuvor die Begeisterung und Freude der Uchtspringer
Patienten an den Begegnungen mit Herbert Grönemeyer und Manfred
Bofinger erlebt hat, weiß um deren motivierende Wirkung bei den
Betroffenen.
Günter-Grass-Ausstellung in Uchtspringe
Innerhalb der Veranstaltungsreihe anlässlich des 110jährigen Bestehens des Klinik-Standortes Uchtspringe wurde am Mittwoch (20. Oktober) eine Ausstellung mit über 70 Werken aus dem bildkünstlerischen Schaffen von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass eröffnet. Die Radierungen, Lithografien, Algrafien (Alu-Drucke) und Plastiken sind bis zum 20. Dezember täglich von 14 bis 17 Uhr im Haus 5 der Klinik für Psychiat-rie/Psychotherapie zu besichtigen. Der Eintritt ist frei, Spenden zugunsten des Fördervereins Psychiatrie in Geschichte und Gegenwart e.V. aber willkommen. Für Kunstliebhaber besteht die Möglichkeit, Exponate der Ausstellung käuflich zu erwerben
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Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Herbert Grönemeyer und MR Dr. in der Grass-Ausstellung in Uchtspringe am 22.10.2004 |
Die Exposition im SALUS-Fachkrankenhaus
Uchtspringe zeigt einen Querschnitt aus dem bildkünstlerischen
Schaffen von Günter Grass. Dem Besucher wird die große
Bandbreite der von ihm angewandten Formen und Techniken vor Augen
geführt, die von der Plastik über Radierungen bis zur
Lithografie reichen. Die Symbolik der Grass`schen Bildkunst
ist tref-fend-vertraut, so dass sie sich auch dem nicht so
kunstbewanderten Besucher erschließt, erklärt der
Ärztliche Direktor des Fachkrankenhauses Uchtspringe, MR Dr.
Volkmar Lischka. Vor allem kann man sich einen guten
Eindruck über die Symbiose zwischen Literatur und bildender
Kunst im Wirken von Günter Grass verschaffen. Es wird erkennbar,
dass seine Tex-te, Bilder und Skulpturen eng miteinander verwoben
sind.
So lassen sich in der Ausstellung beispielweise zentrale Motive
entdecken, die der Literatur-Nobelpreisträgers in Büchern wie
Der Butt, Die Rättin,
Unkenrufe, Ein weites Feld oder
Letzte Tänze ausgeprägt hat. Günter Grass wirkt
seit über fünf Jahrzehnten auch als bildender Künstler und
verbindet die unterschiedlichen Begabungen. Er arbeitet mit Ton,
zeichnet mit Tusche, Kohle, Rötel, Bleistift, aquarelliert und
gestaltet seine Buchumschläge, wie schon bei der
"Blechtrommel" selbst. In der Uchtspringer Ausstellung
sind daher auch viele Bücher von Günter Grass zu sehen, in
denen gern geblättert werden darf. Eine besonderes Vergnügen
könnten dabei die Fundsachen für Nichtleser
bereiten: Grass hat in diesem Buch hundertsechzehn, einen
Jahresverlauf spiegelnde Alltagsgegenstände aquarelliert,
dar-unter Nägel, Bleistifte, Schlüssel von verlassenen
Häusern, Knöpfe, Steine, Flaschen, Schu-he, Zähne, eine alte
Olivetti-Schreibmaschine, Gemüse und bis hin zu Tieren wie
Kröten, Ka-ninchen, Vögeln, Schnecken ... Dazu werden Kurztexte
geboten, die man lesen kann, aber nicht muss ... Beispiel:
"Am Abend / zählen wir unsere Leiden auf / die kleinen, /
über die zu lächeln sich lohnt, / die großen, / von denen
besser zu schweigen wäre.
Mit der Ausstellung unterstützt Günter Grass das
SALUS-Fachkrankenhaus und den Förderverein Uchtspringe in dem
Bemühen, Vorbehalte gegenüber der Psychiatrie abzubauen.
Unter dem Leitmotiv Mittendrin wir wollen wir
auch Besucher in die Klinik locken, die sonst kaum
Berührungspunkte mit uns haben, sagt der Ärztliche
Direktor. Die Ausstellung wird in Räumen gezeigt, die für
das Fachkrankenhaus Uchtspringe typisch sind und auch einen
kleinen Eindruck vermitteln, unter welchen Bedingungen die
Patienten hier behandelt werden.
Über den Künstler
Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft eine Steinmetzlehre, studierte dann Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichnungen, 1959 der erste Roman "Die Blechtrommel". Weitere Werke: Katz und Maus (1961), Hunde-jahre (1963), Der Butt (Roman, 1977), Die Rättin" (1986), Unkenrufe (Erzählung 1992), Ein weites Feld (1995), Fundsachen für Nichtleser (1997), Mein Jahrhundert (1999), Im Krebsgang (2002). 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.
Weitere Veranstaltungen der Reihe "Mittendrin wir"