Gedanken zu "100 Jahre Uchtspringe"

H. Wendt
 

Die meisten psychiatrischen Anstalten entstanden im Deutschen Reich in den sogenannten Gründerjahren um die Jahrhundertwende. Auf dem Gebiet der späteren DDR war Bernburg 1830 die älteste, Haldensleben 1930 die jüngste. Damals war Deutschland führend in der Psychiatrie, in der Neurologie war es Frankreich.

Uchtspringe wurde also mitten in diesem Trend auf Beschluß des XIII. Landtages von Sachsen-Anhalt gegründet und 1894 offiziell eröffnet. Anlaß war, daß 336 "Epileptische" von 1593, 749 Blöde von 2382 anstaltsbedürftig waren, die deren fielen unter die "Armenlast" der öffentlichen Fürsorge.

Gründe für die Ortswahl, das Dörfchen "Modderkuhl", waren, daß das Gelände -800 Morgen - preisgünstig zu erwerben war, die Lage an der Bahnstrecke Berlin-Hannover und einer Chaussee Gardelegen-Stendal, das gute Trinkwasser und die gesunde Luft am Wald.

Im Mai 1892 wurde der Bau begonnen. Das sieht auf allen Postkarten so aus, daß Dutzende von Maurernaufhohen Holzgerüsten Stein auf Stein setzten. So entstanden die vielen roten Backsteinhaüser, deren Mauern die Witterung nichts anhaben kann.

Die Kosten für die für 500-1000 Patienten vorgesehene Einrichtung betrugen 3.152.000 Goldmark.

Schon vor der offiziellen Eröffnung zogen im September 1892 die ersten Kranken ein. Im Oktober 1892 wurde die "Haltestelle der kaiserlichen Eisenbahn" eröffnet, was für den Transport der Baustoffe nützlich war.

Es war ein besonderer Glücksfall, daß Prof. Dr. Konrad Alt erster Direktor von Uchtspringe wurde.

Alt, 1861 in der Nähe von Trier geboren, studierte in Würzburg und arbeitete dann als Assistent bei namhaften Ordinarien. Er wurde zu einem Meister der physikalischen und funktionellen Diagnostik und beteiligte sich an der wissenschaftlichen Prüfung von Pharmaka. In Halle zum ersten Assistenzarzt aufgerückt, war er Mitherausgeber eines Taschenbuches der Elektrodiagnostik und -therapie. Er war universal gebildet, empfindsam gegenüber den Nöten der Zeit und dem Elend der Patienten und ihrer Angehörigen.

Von Anfang an, also ab 1892, war er der Spiritusrektor auch für das Baugeschehen.

Den Namen Modderkuhl ersetzte er nach dem hier entspringenden Flüßchen Uchte durch die Bezeichnung Uchtspringe, "Provinzial-Epileptischen-und Blödenanstalt" durch "Landesheil- und Pflegeanstalt", womit die Aufnahme aller Arten von Geisteskranken programmiert war. Er hielt nicht nur die gründliche Ausbildung der Ärzte, sondern auch experimentelle Forschung und pathologische Anatomie neben exakten klinischen Untersuchungen für erforderlich. So wurde in Uchtspringe die erste psychiatrische Prosektur in Deutschland gegründet, nämlich 1895, während die in Hamburg-Friedrichsburg, die angeblich die älteste sein sollte, erst 1899 entstand. Es wurden die Nisselsche Anylinfärbung, die Golgische Silbermethode u.a. eingeführt und ein Gefriermikrotom 1898 angeschafft.

Von 1894-1899 wurden bereits 256 Obduktionen durchgeführt. Es entstand auch eine stattliche Sammlung pathologisch-anatomischer Präparate.

Alt hat auch durch sein therapeutisches Konzept - Somatotherapie der Epilepsie, Arbeitstherapie, poliklinische Betreuung -Uchtspringe vorangebracht, sowie durch die von ihm eingeführte Familienpflege. Das durch ihn errichtete Pflegerdörfchen in Börgitz-Wilhelmseiche, zur Bindung von Stammpersonal errichtet, diente zugleich der Unterbringung entlassener Patienten, von denen 1-3 in den Obergeschossen der Häuser mit Anschluß an die Wärterfamilie untergebracht wurden. Der Familienpflege hat er ein kleines Buch gewidmet, auch die Einrichtung in Jerichow wurde nach diesem Prinzip verwendet.

In seinem ersten Verwaltungsbericht von 1894 machte Prof. Alt ins einzelne gehende Angaben über den Bau der Anstalt, der Vorbild wurde für viele andere psychiatrische Einrichtungen des In- und Auslandes. Insbesondere Pfafferode bei Mühlhausen ist nach dem Muster von Uchtspringe gebaut worden, nämlich eine zentrale Achse aus Verwaltungsgebäude mit Springbrunnen davor, Wirtschaftsgebäuden, von ihr getrennt Männerabteilung und Frauenabteilung, daneben Kinderabteilung.

Der Vorsitzende des Vereins russischer Psychiater, der Korsakowschüler Prof. Bajenow bemerkte anläßlich der 20-Jahr-Feier in Uchtspringe 1914, daß Altscherbitz -Geheimrat Paetz – und Uchtspringe - Prof Alt - für die Entwicklung der russischen Hospitalpsychiatrie die populärsten Vorbilder abgegeben hätten.

In dem zweiten und dritten Verwaltungsbericht bis 1899 findet man Notizen über den Bau einer Kläranlage, des Gesellschaftshauses, der Turnhalle mit Kegelbahn, der Kirche und einer Schule für Beamtenkinder sowie die Errichtung einer Anstaltsapotheke. Die Leistungen der Arbeitstherapie wurden ausführlich dargestellt. Es waren alle denkbaren Gewerke vertreten. Da war das Landgut, für das die Unterkunft für die dort arbeitenden Patienten in der Nähe gebaut wurde. Da gab es eine Schneiderei für Bekleidung, eine Nähstube für Ausbesserungen z.B. von Bettwäsche, eine Bürstenbinderei für den Bedarf auch an Besen, eine Sattlerei, wo auch Matratzen hergestellt wurden, Korbflechterei, Malerei, Tischlerei, Glaserei, eine Bäckerei, Druckerei, Buchbinderei. Die Gärtnerei mit großen Obstbaumplantagen und Gemüseanbau. Der Bedarf an Nahrungs- und Wirtschaftsgütern aller Art konnte also durch eigenes Aufkommen fast vollständig gedeckt werden.

Das Quellgebiet der Uchte, das sogenannte Springgebiet, wurde für Spaziergänger begehbar gemacht, die vielen kleinen Bäche durch gemauerte und mit beiderseitigen Eisengeländern versehene Brücken passierbar gemacht und ein großer Festplatz mit Wasseranschlüssen für lmbißstuben und einem großen Festzeit für Wald- und Kinderfeste eingerichtet. Das Zelt wurde nach 1945 von den Russen entwendet.

Auf dem Anstieg zur Letzlinger Heide, dem Springberg, wurde das Wasserwerk mit einem Aussichtsturm über dem Bassin gebaut, ein Naturteich zu einem Schwimmbad umgestaltet, was in der gewässerarmen Altmark sehr willkommen war. Nach den damaligen Vorstellungen und Möglichkeiten war also für alles gesorgt.

Als weitere Besonderheit ist zu nennen, daß Paul Ehrlich aufgrund einer persönlichen Freundschaft mit Konrad Alt das von ihm entwickelte Salvarsan zur Erprobung nach Uchtspringe gab, wo die erste gegen die Syphilis erfolgreiche intravenöse Injektion gemacht wurde, wodurch Uchtspringe über das Fachgebiet hinaus weltweit bekannt wurde.

Während des 1. Weltkrieges wurde Uchtspringe zu einem Lazarett für Kriegsneurotiker umgestaltet, Prof. Alt zum Leiter befohlen.

Im Mai 1921 mußte Konrad Alt nach einer schweren Influenza in den vorzeitigen Ruhestand gehen, er starb am 28. Dezember 1922, also erst 61-jährig.

Die anschließende Zeit mit Inflation und Wirtschaftskrise war offenbar nicht dazu getan, die Leitung von Uchtspringe zu einem beruflichen Schwerpunkt bzw. Lebensinhalt zu machen, so daß sich bis 1945 nicht weniger als 7 Leiter die Klinke in die Hand gaben.

Daneben brachten die Nazizeit und der 2. Weltkrieg wesentliche Rückschläge für die Psychiatrie allgemein.

Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" nannte Schizophrenie, manisch depressives Irresein, Veitstanz, erblichen Schwachsinn, Epilepsie, also psychiatrische Krankheiten in erste Linie, dazu noch angeborene Blindheit und Taubheit. Patienten mit diesen Diagnosen wurden sterilisiert. Über die Vernichtung des sogenannten lebensunwerten Lebens" kannte ich von hier keine Unterlagen. In den letzten Jahren hat eine Arbeitsgruppe zu erforschen begonnen, ob und wie viele Patienten zur Tötung verlegt worden sind. Darüber wird Frau Dr. Synder berichten.

Während des Krieges wurden einige Abteilungen Magdeburger Krankenhäuser nach Uchtspringe ausgelagert. Die psychiatrischen Patienten sollen damals in den Kellern untergebracht worden sein. Über die Tätigkeit der 7 Ärztlichen Direktoren zwischen 1922 und 1945 ist wenig bekannt.

Die nun so genannte "Landes-Heil- und Pflegeanstalt", deren Leitung Dr. Hermann Nobbe 1945 übernahm, war zwar von äußeren Kriegszerstörungen verschont geblieben, ansonsten aber kaum mehr als ein Asyl für Obdachlose, vorwiegend Schwachsinnige und Defekte. Es gelang ihm, gute und zuverlässige Mitarbeiter für Verwaltung, Wirtschaft, Finanzbuchhaltung Fürsorgeabteilung und Krankenpflege zu gewinnen, zu einem großen Teil aus dem Kreis der Heimkehrer von der Wehrmacht und Vertriebenen aus den Ostgebieten. Er versorgte selbst ärztlich die große psychiatrische Männerabteilung und reorganisierte die vielfältige Arbeitstherapie in und außerhalb der Werkstätten. Er richtete auch Schwesternlehrgänge ein, wo er selbst Unterricht erteilte.

Da die Anstalt dem Kreis Stendal unterstellt war, hatte er manchmal sehr laute Auseinandersetzungen mit den leitenden Funktionären des Kreises tapfer ausgefochten. Das Landgut wurde der LPG Staats übergeben, die Familienpflege wurde wegen angeblicher Ausbeutung der Patienten verboten.

1961 wurde ich mit der Leitung von Uchtspringe betraut, übrigens gegen den Widerstand des damaligen Bezirkspsychiaters, der den Wendt für zu schwierig hielt für den Bezirk Magdeburg, weil er sich nicht seinen Wünschen gefügig zeigte.

Eine meiner Bedingungen war, daß die Einrichtung bezirksgeleitet wurde. Sie hieß nun "Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie".

Da ich ja ebensolange wie der Gründer, Prof. Alt, die Klinik geleitet habe, noch drei Jahre über das Rentenalter hinaus, erlauben Sie mir etwas über mich zu sagen.

Warum ist einer, der eine erfolgreiche Laufbahn an den 500 Jahre alten Universitäten begonnen hatte, gerade in ein Nest wie vormals Modderkuhl gegangen?

Ich habe während des Krieges mit Unterbrechungen in Leipzig, Berlin und Wien studiert und überall die psychiatrische Vorlesung besucht. Nach der allgemeinärztlichen Ausbildung an Provinzkrankenhäusern und selbständiger Praxistätigkeit begann ich 1949 die Fachausbildung an der Leipziger Universitäts-Nervenklinik wurde 1953 Oberarzt und Leiter der neu gegründeten Psychotherapieabteilung. 1958 wurde ich Dozent, 1965 Professor, 1955 war ich vier Monate bei Kreindler in Bukarest, 1959 drei Wochen in Tübingen bei Kretschmer. Meine Vorlesungen in Leipzig über medizinische Psychologie und Psychotherapie habe ich auch von Uchtspringe aus noch mehrere Jahre fortgesetzt.

Außer mehrmals in Leipzig ergaben sich auch andere sehr direkte Angebote von Lehrstühlen, u.a. auch von der Akademie für Ärztliche Fortbildung in Berlin. Ich habe alle abgelehnt, da mir die Einbindung in das politische Zeremoniell an den Universitäten und Akademien widerstrebte. Ich wollte, und das habe ich auf die Cheffragen nach beruflichen Absichten gesagt, ein Krankenhaus nach meinen Vorstellungen gestalten, möglichst weit ab von Weisungsinstanzen.

Meine Frau hatte die trübe gewordene Großstadt Leipzig satt, meine Kinder waren von der Freiheit in der Landschaft begeistert und ich wechselte von der jetzt polnischen Neumark in die ähnliche Altmark, nur die Seen fehlen und das einzige zum Schwimmen geeignete Gewässer ist ja nach der Wende mit Ketten verschlossen worden und dem völligen Zerfall preisgegeben.

Mir gefiel an Uchtspringe die schon von Prof. Alt stammende Offenheit, einige Zäune an den Krankenstationen wurden noch entfernt bzw. gefälliger gestaltet, wo sie unentbehrlich sind, z.B. bei Kindern und desorientierten Patienten. Als sogenannte geschlossene Stationen blieben die 5 8 für Männer und 6 C für Frauen für schwer kranke bzw. für gerichtlich eingewiesene Patienten. Als ich am 1. April 1961 hier anfing, gab es seit zehn Jahren Herrn Dr. Adam, der allein 700 Betten der Frauenabteilung versorgte, Herrn Dr. Vieten für 450 Kinderbetten, einen staatenlosen russischen Arzt für die Neurologie. Die 400 Männerbetten hatte Dr. Nobbe versorgt, der aber gerade abfuhr, als ich kam. Es blieb der schon im Rentenalter stehende Dr. Feldhahn. Herr Dr. Hansmann versorgte die zahnärztliche Ambulanz, Herr Dr. Born mit einem Assistenten Dr. Hackenberg die Pathologie.

Durch meine Vorlesungen an der Universität Leipzig und Vorträge im Rahmen der Medizinischen Gesellschaften und der Akademie für Ärztliche Fortbildung hatte ich den Vorteil, bei Studenten, Ärzten und Psychologen bekannt zu sein. Einige Kollegen der Leipziger Nervenklinik kamen schon bald nach; Dr. Dreißig für die Männerabteilung, Dr. Tögel als erster Psychologe, Dr. von der Herberg für die Neurologie. Aus Neuruppin kam Dr. Neymeyer, aus Dresden Frau Dr. Kummer als eine der qualifiziertesten Spezialistinnen für Kinder, bald auch das Ehepaar Dr. Tuchscheerer von den ehemaligen Studenten, Frau Dr. Grunert als profilierteste Gehörlosenpädagogin. 1964 konnten endlich die schon 1961 begonnenen Umbauten für die Psychotherapieabteilung abgeschlossen werden, wo sich bald Herr Dr. Schulz bewarb. Um nicht weiter ins einzelne zu gehen: Wir hatten schließlich über 30 Ärzte, Psychologen und Pädagogen hier. Die Neurologie wurde zwei Jahre von einem ungarischen Kollegen versorgt, ebenso die Pathologie, bevor Herr Dr. med. habil. Schumann aus Leipzig die Leitung übernahm.

Uchtspringe war Ausbildungsstätte für den Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und später auch für Psychotherapie. Ca. 20 Ärzte haben hier promoviert.

Im Hotel, dessen Zimmer als Personalunterkünfte verwendet werden mußten, wurde ein kleiner Saal für die regelmäßig alle 14 Tage stattfindenden Fortbildungsabende eingerichtet. In der ehemaligen Bäckerei wurde ein Lehrsaal für den Schwesternunterricht eingerichtet.

Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 179 im Jahre 1899 bis auf 730 Personen 1986, die z.T. aus den Ortschaften längs der Bahnlinie anreisten.

Im Rahmen des 1961 begonnenen Wohnungsbauprogramms wurden zwei AWG-Häuser errichtet, die Erweiterung um weitere zwei Häuser konnte nicht mehr durchgesetzt werden. Es entstanden aber eine ganze Anzahl von Eigenheimen. Mit eigenen Kräften, u.a. auch Patienten aus der Arbeitstherapie, wurde das Schwesternheim mit 14 Wohnungen als Flachbau errichtet, als Ausbau deklariert, weil die Fundamente ehemaliger Baracken verwendet wurden.

Nachdem die Tuberkulose keine Bedeutung mehr hatte, konnte das Haus 43, das für Tbc-kranke psychiatrische Patienten eingerichtet worden

war, zu Wohnungen umgestaltet werden. Auch mußten wir die Obergeschosse verschiedener Krankengebäude und der Verwaltung als Wohnungen verwenden. Die aus dem 1. Weltkrieg stammenden Baracken für Kriegsgefangene waren zu Wohnungen geworden, die aus dem 2. Weltkrieg stammenden acht sogenannten Behelfsheime erhielten eine Naßzelle.

Auf dem Feld im Osten zwischen Uchtspringe und Wilhelmseiche sollten mehrere Wohnblocks entstehen, nur einer wurde vor der Wende fertig, die weiteren moderneren entstanden nach 1989.

1961 war das Haus 37 nicht mehr Ärztekasino, sondern Sitz der BGL, einiger Wohnungen und der wissenschaftlichen Bibliothek, die in das Verwaltungsgebäude verlagert wurde, wo sie bei Prof. Alt schon einmal war, zusammen mit einer großen belletristischen Bibliothek auch für die Patienten.

Die Psychotherapieabteilung wurde bald Ausbildungsstätte für eine große Zahl von Hospitanten und auch unsere in Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie befindlichen Ärzte waren hier längere Zeit tätig, so daß die heute verlangte Zusatzausbildung in Psychotherapie für alle Nervenärzte hier schon realisiert wurde.

1968 wurde ich mit der Leitung des Psychotherapiekongresses in Bad Elster beauftragt und dort zum Vorsitzenden der Gesellschaft für Ärztliche

Psychotherapie der DDR gewählt. Auf dem in Magdeburg 1971 von Uchtspringe aus organisierten Kongreß der Gesellschaft konnte die Mitgliederzahl von 200 auf 500 erhöht werden. Von da ab wurden in Uchtspringe die tiefenpsychologisch orientierten sogenannten Problemfallseminare durchgeführt, die nach dem Modell der Balintgruppen aufgezogen waren. Hier war Dr. Tögel beteiligt, an einer später entstehenden Gruppe für Kindertherapeuten Frau Dr. Tuchscheerer.

Offizieller Träger dieser Fortbildungsaktivitäten war die "Sektion Dynamische Einzelpsychotherapie der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie der DDR", deren Leitung von mir 1986 an Dr. Maaz in Halle abgegeben wurde.

Nebenbei: Für Psychotherapie hatte ich zwar ein besonderes Interesse, und wir haben auch den Ärzten anderer Fachgebiete die ganzheitliche psychosomatische Krankheitsbetrachtung zu vermitteln versucht. Die Psychiatrie/Neurologie blieb für mich die Grundlage des Fachgebietes. Ich war auch Vorsitzender der Sektion Psychiatrie der Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie der DDR.

Uchtspringe liegt am nördlichen Rande der von Kaiser Wilhelm über Hitler bis zu der russischen Armee als Schießplatz mißbrauchten Letzlinger Heide, um deren endliche zivile Nutzung heute noch demonstriert wird. Die russischen Panzer fuhren anfangs auch in das nördlich der Bahnlinie liegende Waldgebiet, und zwar durch die Bahnhofstraße, also durch das Krankenhausgelände. Dagegen haben wir uns gewehrt, und es wurde abgestellt.

Wir haben die sogenannten Kampfgruppen, woran ein großer Teil des männlichen Personals teilnehmen mußte, abgeschafft. Auf den Stationen waren überall "rote Ecken" wie Hausaltäre eingerichtet, auch die wurden 1961 beseitigt.

Den Verpflichtungen zur Zivilverteidigung wurde nicht mehr nachgekommen. Zu den Aufmärschen am 1. Mai und anderen Gelegenheiten Tag der Republik - u.a.m. wurde von mir niemand verpflichtet.

Es gab auch Auseinandersetzungen mit früheren Bezirksärzten mit Bezug auf Teilnahme an Schulungen usw.

Ich erwähne dies, weil wir heute oft pauschaliert als brave Befehlsempfänger des Regimes dargestellt werden und jeden Unsinn mitgemacht hätten.

Wie alle psychiatrischen Großkrankenhäuser hatte auch Uchtspringe einen relativ großen Anteil an Pflegefällen und Patienten, die auch in Altersheimen hätten untergebracht werden können. Davon gab es zu wenig und die Versorgung war schlechter, so daß viele Patienten in Uchtspringe behalten wurden, weil sie es hier besser hatten: Dichtere ärztliche Betreuung, prompte medikamentöse Versorgung, in Form von spezieller Alterskost angepaßte Verpflegung, angemessene Beschäftigung usw.

Ein großer Teil dieser Patienten stammte aus den ehemaligen Ostgebieten, hatte also hier eine neue Heimat gefunden.

Die jüngeren Patienten, vorwiegend schizophrene, depressive und oligophrene, wurden in Arbeitstherapiegruppen zusammengefaßt und sinnvoll eingesetzt.

Im klinischen Bereich wurde die Verweildauer möglichst verkürzt, lieber erneute Aufnahmen in Kauf genommen und zwischendurch, besonders auf der Frauenabteilung, von hier aus ambulant weiterbetreut. Herr Dr. Adam hat über die Dispensairebetreuung Schizophrener 1973 publiziert.

Ich habe als Fachberater des Bezirksarztes stets darauf gedrungen, daß in jedem Kreis wenigstens ein Nervenarzt in der Poliklinik tätig sein sollte, das ist aber nicht vollständig gelungen.

Wegen der etwa ab 1953 eingeführten Behandlung der Psychosen mit modernen Psychopharmaka waren die früher in "Kolonnen" auf den Äckern arbeitenden Patienten nicht mehr vorhanden, weshalb das Landgut nicht mehr benötigt

wurde. Aus dem gleichen Grunde wurden einige Arbeitstherapiewerkstätten verkleinert bzw. abgeschafft, z.T. auch deshalb, weil es Pflegepersonal, das ein Handwerk gelernt hatte, weniger gab bzw. aus Altersgründen ausschied. Trotzdem arbeiteten z.B. einige in der Korbmacherei in langen Jahren spezialisierte Patienten dort weiter, als der verdiente Meister Dauer ausschied und auch die eigenen Weidenbestände nicht mehr verwendet werden konnten.

Die geistig am stärksten beeinträchtigten Männer vom Schweregrad der ldiotie fand ich 1961 so vor, daß sie, nur mit einem festen Hemd bekleidet, alle Ausscheidungen unter sich ließen, alles in den Mund steckten, was sie in die Hand bekamen, also auch Putz von der Wand, die Matratzenfüllung und den eigenen Kot. Sie wurden in einer Aktion unter völlig andere Bedingungen gestellt, auf eine andere Station verlegt, anderes Personal, normale Krankenhausbekleidung, Erziehung zur Toilettenbenutzung und Beschäftigung mit einfachen Tätigkeiten usw. Die Erfolge waren eindrucksvoll, ich habe das publiziert. Hier hat sich Dr. Tuchscheerer als späterer Chef der Männerabteilung sehr engagiert.

Zu dessen besonderen Verdiensten gehört auch die Einrichtung einer Station für Alkoholiker (Drogenabhängige gab es in der DDR praktisch nicht) und die regelmäßigen Treffen mit Ärzten, Fürsorgerinnen, Psychologen, die hier in Uchtspringe Hinweise und Gelegenheit zum Meinungsaustausch erhielten, eine mehrere Jahre, ca. alle zwölf Wochen stattfindende Veranstaltung, die immer gut besucht war.

Nicht vergessen seien auch die mehrmals im Jahr für alle Ärzte der Altmark offenen Demonstrationsnachmittage der Pathologie, wo Besonderes aus dem Sektionsgut gezeigt wurde und wo die anwesenden Ärzte die klinischen Daten vortrugen. Diese Fortbildung wurde später mit einem Vortrag aus dem klinischen Bereich des Hauses erweitert.

In der psychiatrischen Frauenabteilung wurde eine geschlechtergemischte Station, ähnlich wie in der Psychotherapieabteilung, bei psychiatrischen Patienten eingerichtet, was Herr Dr. Sziegoleit wissenschaftlich bearbeitet hat.

Die Bettenzahl betrug maximal 1 .850. Dazu gehörten zwei Außenstellen für je 25 Frauen und 25 Männer in Mieste und Volgfelde, wo Patienten von den LPG-Vorsitzenden zur Arbeit eingesetzt wurden, aber vom Krankenhaus mit Wäsche versorgt und ärztlich betreut wurden.

Außerhalb der Bettenzahl des Krankenhauses gab es aber auch in anderen Dörfern Gruppen ehemaliger Patienten, die gerne von den landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigt wurden. Die Bettenzahl im Krankenhaus wurde zugunsten einiger weniger dichten Belegung schon vor 1989 allmählich reduziert.

Die neuropsychiatrische Kinderabteilung, die zweitgrößte nach Brandenburg-Görden in der DDR, hatte bei einer maximalen Gesamtkapazität von 450 eine Zeitlang 300 Kinder, die die hiesige Sonderschule besuchten. Auch das war eine Besonderheit von Uchtspringe, wir haben sogar schon von Leipzig aus manchmal geistig behinderte schulbildungsunfähige Kinder hierher verlegen können. Als förderungsunfähig haben wir kein Kind angesehen. Es gab umfangreiche, ausgeklügelte Förderungsprogramme, z.B. Milieugestaltung und Erziehung zur Selbständigkeit betreffend. Normalen Schulunterricht erhielten verhaltensgestörte Kinder, für die eine Spezialstation für Kinderpsychotherapie eingerichtet wurde.

Für ca. 40 gehörlose oligophrene Kinder wurde in Uchtspringe die erste pädagogische Spezialeinrichtung in der DDR geschaffen.

Wie manch andere Fehlbeurteilung der Psychiatrie der DDR nach der Wende ist diese besonders ignorant, daß geistig behinderte Kinder nun endlich das Recht auf Schulbildung erhielten. Ich möchte hier besonders an die Verdienste der leider zu früh verstorbenen Frau Dr. Kummer erinnern.

Die Neurologie erfuhr einige Umgestaltungen, ein Erweiterungsbau wurde begonnen, woran Herr Dr. Lischka als neuer Chefarzt das Hauptverdienst hatte.

Auch die Pathologie erhielt einen Anbau, denn die Leistung war wesentlich gesteigert worden.

Die Personalbesetzung war relativ stabil. Wer einmal hier war, ging nicht so leicht wieder weg, trotz der unzureichenden Wohnbedingungen. Da für den Pflegedienst und die Patientenbetreuung nie genug Kräfte vorhanden sein können, haben wir uns stets um mehr Mitarbeiter bemüht, wobei man nicht sagen kann, daß nicht gearbeitet wurde. Stillstandszeiten, wie etwa in der Industrie der DDR durch fehlende Materiallieferungen, gab es bei der Arbeit an Kranken nicht.

Dank der Findigkeit und Aktivität des Apothekers, Herrn Höhn, war auch die medikamentöse Versorgung grundsätzlich gesichert, wobei die Apotheke ja auch der Bevölkerung zur Verfügung stand.

Auch für die Freizeit war gesorgt. Es gab einen Fußballplatz, ein Billardzimmer, die Betriebssportgemeinschaft schuf eine turniertaugliche Bowlingbahn, das Schwimmbad stand zur Verfügung, die Gaststätte im Klubhaus war, abhängig von der Person des Leiters, zeitweise durchaus attraktiv. Es wurden Tanzabende und andere Betriebsfeste veranstaltet. Es gab die Konsumverkaufsstelle, deren Sortiment wir auch von der Krankenhausleitung aus zu verbessern uns bemühten, es gab auch eine HO-Textilverkautsstelle.

Bevor sich 1986 ein Nachfolger für den Ärztlichen Direktor fand, wurde noch die allgemeine Rekonstruktion der Gebäude begonnen, eine Bauleitung mit fünf Ingenieuren geschaffen. Für den Bau eines neuen Heizhauses wurden die Erdarbeiten angefangen. Das Mehrzweckgebäude für die Ambulanz und den Speisesaal wurde fertiggestellt. Ich kann nicht alles aufzählen, was so nach und nach entstanden ist.

Mein Nachfolger, Herr Dr. Hempel, hat schon nach zwei Jahren Uchtspringe wieder verlassen.

Nach ihm wurde der mit Uchtspringe verwachsene Chefarzt Dr. Tuchscheerer Direktor, nach der Wende Leitender Chefarzt. Er hat durch die Übernahme des Maßregelvollzuges die "Abwicklung" von Uchtspringe verhindert, hat sich gegen Fehlbeurteilungen von Besichtigern klug zur Wehr gesetzt. Leider mußte er Ende 1993 wegen einer zum Tode führenden Krankheit ausscheiden.

Seitdem nimmt der im Rahmen der Rekonstruktion berufene zweite Stellvertreter des Ärztlichen Direktors, Herr Chefarzt Dr. Lischka, die Funktion des Leitenden Chefarztes sehr engagiert wahr.

Über die letzten fünf der 100 Jahre möchte und kann ich mich, nun nur noch Beobachter am Rande, nicht weiter äußern. Stalin soll gesagt haben:

Ob Sozialismus oder Kapitalismus,-die Bürokratie bleibt! Damit hatte er ausnahmsweise recht.

Warum lohnt es sich, den 100sten Geburtstag dieser Einrichtung Uchtspringe, die jetzt den fünften Namen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie" trägt, festlich und dokumentarisch zu begehen?

In diesen 100 Jahren haben die gesellschaftlichen und politischen Zustände fünf mal gewechselt. Die Kaiserzeit mit dem 1. Weltkrieg, die Weimarer Republik mit Inflation und wirtschaftlichem Niedergang, die Nazidiktatur mit Menschenverachtung, 2. Weltkrieg und Vernichtung auch der für lebensunwert erachteten psychiatrischen Patienten, der Wiederaufbau im geteilten und verengten Land unter ganz verschiedenen Bedingungen in den beiden Teilen und schließlich die Übertragung des Gesundheitssystems der alten Bundesrepublik auf die angeschlossene DDR, die immer noch die "Ehemalige" genannt wird, obwohl das ja nun nicht mehr betont werden muß.

Dieses Krankenhaus am Rande der Heide, das sich der Betreuung und Behandlung der am meisten Benachteiligten der menschlichen Gesellschaft verpflichtet fühlte, hat alle Prüfungen, alle Stürme und Katastrophen, alle Benachteiligungen und Vorurteile so bestanden, daß es auch die relativ längste Phase, von 1945-1 989 nicht nur überlebt hat, sondern auch unter den ideologischen Einengungen, den materiellen Beschränkungen, der von der sowjetischen Besatzung aufgezwungenen Diktatur - gemildert durch Schlamperei, wie es hieß - wie schon nach den ersten 20 Jahren zu einer Einrichtung geworden ist, die alle an sie gestellten Anforderungen vorbildlich erfüllt hat, auf vielen Gebieten Leiteinrichtung geworden ist.

Das ist in erster Linie der Mehrzahl der hier tätigen Menschen zu danken, die engagiert ihre nicht leichte Pflicht erfüllt haben und der Aufgabe treu geblieben sind. Es gab nur sehr wenige Abwanderungen nach dem Westen, und das nicht nur, weil es so schwierig und gefährlich war.

Ihnen allen, insbesondere auch denen, die mittlerweile Rentner geworden sind und hier ihre Heimat gefunden haben, gilt unser besonderer Dank. Mögen sie die Vorteile der neuen Ordnung nützen, die Nachteile bewältigen können.